Im Bereich "Patienten" finden Sie leicht verständliche Erklärungen zu den Krankheiten des Venen- und des Lymphgefäßsystems.

Im Bereich "Ärzte" finden Sie wissenschaftliche Arbeiten und fachspezifische Literatur Archive.


Wolfgang Hach - Autobiografie

Prof. Dr. Wolfgang Hach
Prof. Dr. Wolfgang Hach

Ich bin Professor für Chirurgie und für Innere Medizin sowie Röntgendiagnostik. In meiner Autobiographie möchte ich aufzeigen, wie doch die äußeren sozialen Bedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg und später in den "goldenen Jahren des Wirtschaftswunders" die Lebenswege der Ärzte vorgezeichnet haben. Für den jungen Kollegen liegt diese Zeit unendlich weit zurück, vielleicht wird sie deshalb wieder interessant. Der ältere Kollege wird sich an ähnliche Erlebnisse in der eigenen Karriere zurückerinnern.

Ich wurde am 15. Juni 1930 im Norden von Berlin, nahe der Schönhauser Allee, geboren. Meine Eltern wohnten im Souterrain eines dieser Hinterhäuser in den großen Mietskasernen. Die meisten Berliner und auch wir lebten zu dieser Zeit in größter Armut. Später hatten meine Eltern ein Marktgeschäft für Obst und Gemüse. Die Schulzeit wurde in Berlin-Pankow absolviert.

Die Zulassung zum Medizinstudium war 1949 nur mit der Abiturnote "Ausgezeichnet" möglich. Damals kamen noch viele Angehörige der ehemaligen Wehrmacht aus der Gefangenschaft zurück, und sie hatten natürlich Vorrechte. Die Hörsäle waren hoffnungslos überfüllt. Durch Fleißprüfungen konnte sich der Student von den Studiengebühren befreien lassen. Diese Gelegenheit wurde auch häufig wahrgenommen. Die Professoren zeigten durchweg ein großes Verständnis bei den Formalien. Der Hunger und die Not unter den Studenten waren groß. Viele von uns waren krank. Besonders die Tuberkulose und Komplikationen der Unterernährung grassierten und forderten ihre Opfer. Den Professoren ging es nicht besser. Unter ihnen waren weltberühmte Namen wie Hermann Stieve (Anatomie), Karl Lohmann (Physiologische Chemie), Ferdinand Sauerbruch (Chirurgie). Theodor Brugsch (Innere Medizin), Walter Stoeckel (Gynäkologie und Geburtshilfe), Paul Linser (Dermatologie) oder Carl van Eiken (HNO).

Fast alle Studenten mussten nebenbei arbeiten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Ich selbst hatte langjährige Jobs als Aushilfslehrer in einer Berufsschule, als Mitarbeiter des Allgemeinen Deutschen Nachrichtenbüros (ADN) sowie an den Wochenenden als Musiker.

Wir arbeiteten als Studenten tagsüber oder nachts gegen ein kleines Entgelt regelmäßig in einer Klinik mit, sowohl während des Semesters als auch besonders in den Semesterferien. Während der Vorklinik war ich zwei Jahre lang an der II. Medizinischen Klinik der Charité in einem Stationslabor tätig. Dann folgte 1 Jahr Pathologie im Hufeland-Krankenhaus Berlin-Buch bei Dr. H. Lotz mit täglich einer Sektion, der Abgabe und der Histologie. Schließlich ging ich in die Geburtshilfe zu Prof. W. Pschyrembel im Krankenhaus Friedrichsheim, wo wir nachts mit Facharzt und Hebamme zu komplizierten Hausgeburten unterwegs waren. In den höheren klinischen Semestern hatten wir schon recht gute Kenntnisse der praktischen Medizin, so dass wir die Erlaubnis zu Praxisvertretungen auf dem Lande erhielten. Die ärztliche Versorgung der Bevölkerung lag nach dem Kriege sehr im Argen.

Die ersten Jahre der beruflichen Tätigkeit liefen an verschiedenen Krankenhäusern in Berlin ab, am Städtischen Krankenhaus Berlin-Buch, am Städtischen Krankenhaus Berlin-Weißensee und an der Charité. Zu den großen Lehrern dieser Zeit gehörte der Chirurg Prof. Dr. W. Felix an der Chirurgischen Universitätsklinik. Der prägende Charakter für die Berufsausbildung wurde aber durch Chefarzt Dr. Rudolf Schäfer im Krankenhaus Berlin-Weißensee vermittelt. Er war das große Vorbild in menschlicher wie in ärztlicher Hinsicht, ein Chirurg mit Leib und Seele und vor allem mit einem großen Einfühlungsvermögen in die Sorgen und Leiden seiner Patienten.

Nach den ausgedehnten Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg lebten viele Berliner in den kleinen Laubenkolonien am Rande der Großstadt. Wenn der eiskalte Berliner Winter einzog, wenn die Eierkohlen ausgegangen und das Eingemachte verbraucht waren, dann kamen diese armen alten Menschen in unser Krankenhaus am Weißensee. Kurz vor Weihnachten meldeten sie sich an, und mit dem ersten Sonnenstrahl im Frühjahr verließen sie die Klinik wieder. Und ihre Krankheit Jahr für Jahr? Das offene Bein und Durchblutungsstörungen! Chefarzt Dr. Schäfer und wir Assistenzärzte haben die Operationsmethoden der Venen und des Ulcus cruris der damaligen Zeit exzellent beherrscht. In unserem Krankenhaus wurde die Phlebologie innerhalb des Behandlungsspektrums der gesamten Allgemeinen und Unfall-Chirurgie groß geschrieben. Zwei andere Ausbildungen fielen noch in diese Zeit, eine Einführung in die Anästhesiologie an der Charité und das Studium der Sportmedizin an der Deutschen Hochschule für Sport und Körperkultur in Leipzig.

Die Lebensbedingungen hatten sich inzwischen gebessert. Nahrungsmittel und Bücher waren wieder käuflich. Um ins Theater zu gehen oder sich einen Motorroller anzuschaffen, reichte aber das Gehalt des Assistenzarztes nicht aus. Unser Chef hatte nichts gegen eine Nebentätigkeit einzuwenden. Ich war bei Dynamo Berlin als Sportarzt angestellt und fuhr regelmäßig mit den Mannschaften zu ihren Pflichtspielen. Im Nachtdienst der Chirurgie und der Gynäkologie wurde viel operiert. In den freien Nächten durften wir jungen Ärzte aber vom Krankenhaus aus den Rettungsdienst im Stadtteil gegen eine zusätzliche Bezahlung übernehmen.

Durch die politischen Ereignisse der Nachkriegszeit musste die junge Familie Hach mit den Töchtern Viola und Marion aus dem russischen Sektor Berlins nach Westen ziehen. Im Städtischen Krankenhaus Pirmasens (1958 - 1963) stand der Chirurgischen Abteilung wieder ein großer Mensch und Arzt vor, Chefarzt Dr. Hans Zettel. Er stammte aus der Hamburger Universitätsklinik und beherrschte die gesamte Chirurgie einschließlich der Thorax- und Neurochirurgie und der Urologie. Aber schon ging die Spezialisierung ihren unbeirrbaren Lauf. An der Berliner Charité kam ich bereits 1958 mit der Herzchirurgie in Berührung. Prof. Dr. Felix führte seine erste digitale Sprengung der Mitralklappenstenose in Intubationsnarkose durch. Hier keimte der Gedanke in mir, den Weg in die Kardiochirurgie zu nehmen. Nach der Anerkennung als Allgemeinchirurg wechselte ich deshalb 1963 in die Innere Medizin nach Frankfurt am Main, um dort die internistischen Voraussetzungen für die Herzchirurgie zu erlernen.

Die fünf Jahre in Pirmasens waren für die chirurgische und den Beginn der internistischen  Ausbildung überaus wichtig. Kollege Dr. Meyer und ich waren inzwischen erfahrenen Assistenzärzte, und wir mussten buchstäblich Tag und Nacht operieren. Es bestand eine chronische Unterbesetzung der Planstellen, dazu kam noch die schwere und langzeitige  Erkrankung des Chefs. Pirmasens war ein Schwerpunktkrankenhaus mit großer Unfallchirurgie. Unser neurologischer Konsiliararzt Dr. Zoller, der gern von seiner Ausbildung bei Prof. Nonne in Hamburg erzählt hat, zeigte allein auf Grund des klinischen Befundes, an welcher Stelle der Schädel nach einem schweren Unfall von uns zu trepanieren war. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass seine Entscheidung jemals falsch lag. Inzwischen war die Familie auf drei Kinder und ein Pflegekind angewachsen. Wir konnten von dem Verdienst im Krankenhaus die Wohnung einrichten und gut leben.

Im Jahre 1963 noch einmal nach Frankfurt umzuziehen, bedeutete für die Familie in jeder Hinsicht ein großes Opfer. Ich ging an die I. Medizinische Klinik zu Herrn Prof. Dr. Ferdinand Hoff und arbeitete zunächst in der Abteilung für Kardiologie im Herzkatheterlabor (Prof. Dr. R. Heinecker). Später schloss sich die Ausbildung in der allgemeinen Röntgenologie bei Herrn Prof. Dr. Alfred Gebauer an (1966-1969). Während aller dieser Jahre war ich aber auch gefäßchirurgisch tätig. Für die Nephrologen (Prof. Dr. R. Heintz) musste ich die arteriovenösen Shunts zur Hämodialyse anlegen, und wir hatten mit der eigenen Operationstechnik weltweit die besten Ergebnisse.

Nach der umfassenden vorbereitenden Ausbildung sollte dann endlich der Schritt in die Kardiochirurgie an der Frankfurter Chirurgischen Universitätsklinik gegangen werden. Aber die Voraussetzungen hatten sich inzwischen geändert, und das Schicksal zeichnete einen anderen Weg vor. Der wirtschaftliche Druck in diesen 6 Jahren an einer Universitätsklinik war groß. Oftmals reichte das Haushaltsgeld nicht bis zum Monatsende. Meine Frau und ich schrieben unzählige Gutachten, und wir übersetzten zusammen medizinische Texte aus dem Russischen ins Deutsche.

Das Interesse an der Angiologie aus dem Krankenhaus Berlin-Weißensee war nie erloschen. An der Frankfurter Medizinischen Universitätsklinik wurden bald alle Patienten mit Gefäßkrankheiten von mir persönlich betreut. Das hatte sich einfach so ergeben. In der Röntgenabteilung erhielt ich eine Dienstreise zu Dr. May und Dr. Nißl nach Innsbruck, um dort die Phlebographie zu erlernen und in Frankfurt einzuführen. Schließlich wurde die weitere berufliche Entwicklung dadurch entscheidend geprägt.

Im Jahre 1969 übernahm ich die Nachfolge von Herrn Dr. Lürmann im DRK-Krankenhaus am Zoo. Die Innere Abteilung mit 90 Betten wurde zur ersten angiologischen Abteilung des Rhein-Main-Gebietes umgestaltet. Es konnte die Genehmigung für eine kombinierte internistisch-angiologische und gefäßchirurgische Tätigkeit erhalten werden. So wurden 1969-1975 im DRK-Krankenhaus die Chirurgie der peripheren Arterien und der aortoiliakalen Strombahn sowie der Carotis eingeführt. Samstags war unser großer Operationstag für Venen. Gleich nach dem Besuch und den Demonstrationen des amerikanischen Arztes Dr. Dotter in Deutschland nahmen wir die transluminäre Dilatation von Gefäßverengungen vor, und bald hatten wir hiermit die größten Erfahrungen. Die intraarterielle Infusionstherapie der schweren peripheren Durchblutungsstörungen durfte ich schon 1953 in Berlin-Buch kennen und schätzen lernen.

Die frühen 70iger Jahre war die Zeit der Reisen und der gegenseitigen Besuche von Gefäßchirurgen, denn das Gebiet der Gefäßmedizin befand sich auf der ganzen Welt erst im Aufbau. Ich hospitierte an den europäischen Zentren in London, Rom, Paris, Lund und Wien, um neue Entwicklungen unmittelbar zu erfahren, und wir empfingen in Frankfurt oft Gastärzte aus anderen Kliniken.

Die Chefarztposition im DRK-Krankenhaus am Zoo erforderte einen ambulanten Anlaufpunkt, um die angiologischen Patienten vor einer stationären Behandlung kennenzulernen und zu untersuchen.  Deshalb wurde 1969 die Praxis an der Konstabler Wache eröffnet. Die Einrichtung entsprach dem modernsten Stand der Technik; sie verfügte über Röntgenfernsehen und über die gesamte Diagnostik des physikalischen und chemischen Labors. Neben der regen wissenschaftlichen Arbeit wurden Vorlesungen an der Hautklinik der Justus Liebig-Universität in Gießen über Gefäßkrankheiten gehalten.

Im Jahre 1975 übernahm ich die Position des Ärztlichen Direktors in der neu erbauten William Harvey-Klinik in Bad Nauheim, damals mit 270 Betten wohl die größte angiologische Klinik in Deutschland. Es wurde das gesamte Spektrum der angiologischen Diagnostik und Therapie, von der operativen Medizin bis zur Rehabilitation angeboten (1975-1995). Bald gehörten an die 50 Ärzte zum Team. Die routinemäßige Einführung der aszendierenden Preßphlebographie in die Diagnostik der Venenkrankheiten führte zur Entdeckung von neuen Krankheitsbildern und zur Aufstellung von neuen Krankheitstheorien. Unsere angiologischen Kongresse hatten ein hohes wissenschaftiches Niveau.

An der Justus Liebig-Universität Gießen folgten dann 1980 die Habilitation und 1982 die Ernennung zum außerordentlichen Professor. Die Habilitationsarbeit erhielt 1981 den Erich Krieg-Preis. Ich wurde Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie, Ehrenmitglied mehrerer europäischer wissenschaftlicher Gesellschaften und erhielt 1989 von der deutschen Ärzteschaft die Erich von Bergmann-Plakette.
Am 20. April 1999 wurde ich mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Meine Emeritation erfolgte 1995.

Als Lebenswerk habe ich im Jahre 2002 mit der Abfassung eines umfangreichen Lehrbuchs der Phlebologie begonnen, das am 16. September 2005 unter dem Titel VenenChirurgie vom Schattauer-Verlag Stuttgart herausgegeben wurde. Als Ko-Autoren konnten der Gefäßchirurg Prof. Dr. Gruß, meine Tochter Prof. Dr. Hach-Wunderle als Hämostaseologin und der Dermatologe Prof. Dr. Jünger gewonnen werden. Im Jahr 2016 wurde die 3. Auflage von diesem Buch in neuer Bearbeitung verlegt, jetzt mit den Ko-Autoren A. Mumme und Viola Hach-Wunderle.


Zum Schluß sollen noch die Familie und die Hobbies zur Sprache kommen. Frau Hach hat Slawistik studiert und war dann im Beruf eine sehr erfolgreiche Wirtschaftskorrespondentin für Russisch. Der Sport spielte in der Familie Hach immer eine große Rolle. Frau Hach wurde wiederholt deutsche Meisterin im Sportkegeln. Die Tochter Viola spielte Basketball in der Bundesliga. Die drei Kinder haben sich ebenfalls der Medizin verpflichtet. Die älteste Tochter Viola ist Professorin für Innere Medizin. Die zweite Tochter Marion wurde Medizinisch-technische Assistentin und war in unterschiedlichen leitenden Positionen in der William-Harvey Klinik, Bad Nauheim, und im Nordwest-Krankenhaus, Frankfurt, tätig. Nach kurzer Babypause wechselte sie die Profession und baute den Bereich Administration in der neu gegründeten Firma ihres Ehemannes auf, die sich zu einem weltweit operierendes Unternehmen der physikalischen Messtechnik entwickeln sollte. Der Sohn Volker führte als promovierter Chirurg die Veterinärklinik für Kleintiere am Frankfurter Stadtwald, bis ihn 2010 ein Ereignis aus dem Leben riss. Wir hatten noch einen Pflegesohn Manfred. Inzwischen sind 8 Enkel und 8 Urenkel angekommen, die alle "gleich um die Ecke" wohnen. Ich selbst arbeite heute gern an der Kulturgeschichte der Medizin, halte Vorlesungen an der Universität des 3. Lebensalters in Frankfurt, walke - und - spiele seit meiner Jugendzeit virtuose Akkordeon-Musik.